Leseprobe


Asvangr
Die Stadt der sterbenden Kinder


KLAPPENTEXT

Versklavt, verstümmelt und dem Tod überlassen.

In einer Stadt, in der eine Seuche tobt, kämpft Billie Dreggs ums Überleben. Er entkommt der Gefangenschaft, klettert aus einem Massengrab und besitzt keinerlei Anhaltspunkte, wo er nach den Tätern suchen soll, um sie zur Rechenschaft zu ziehen.

Während er sich durch eine Quarantänezone schlägt, zieht er die Aufmerksamkeit eines übernatürlichen Killers auf sich. Ein Okkultist, der die Fähigkeiten eines Dämons beherrscht.


Emphfohlenes Lesealter: ab 16

Explizite Gewaltdarstellungen



1. Kapitel

Das Mädchen liegt gefesselt auf dem Bett. Geknebelt, sodass ihr Schluchzen nur gedämpft ertönt. Ihre Augen sind rot wegen der Tränen und ihre Haut ist übersät mit blauen Flecken. Die Brüste blutig von den Bissen des Mannes, der sie vergewaltigt hat.

Ich lasse die bronzene Pferdebüste fallen, mit der ich Tiberius gegen den Hinterkopf geschlagen habe. Zwischen seinem dunkelbraunen Haar rinnt Blut hervor. Er sackt zu Boden und bleibt reglos neben dem Bett liegen. Dass er von meinem Schlag nicht gestorben ist, verrät das Heben und Senken seines Brustkorbs.

"Verdammt!" Ich weiche einen Schritt vom Bett zurück, starre abwechselnd von dem Bewusstlosen zu der Pferdefigur, an der sein Blut klebt. Gott der Ordnung, steh mir bei! Hoffentlich verreckt der nicht!

Ich reiße mich aus der Starre, drehe mich zu den Jungs um, die mit mir den Raum betreten haben. Stresszuckungen jagen durch meinen Körper. Erst nur ein Tic, dann ein zweiter, der mich die Augen zusammenpressen und quieken lässt.

Wir sind nur eine Gruppe armseliger Diebe. Unser Ziel war es, ein Gemälde zu stehlen und nicht zu Zeugen einer Misshandlung zu werden.

"Leute … Planänderung." Ich schlucke schwer. "Vergesst das Ölbild. Rick, alarmiere die Stadtwache."

Mein Kumpel nickt und eilt davon.

"Billie! Er wacht auf!", schreit Aramis. Er schnappt sich die schwere Büste von den Dielenbrettern, springt auf Tiberius zu, der sich stöhnend an der Bettkante hochzieht, und reißt ihn mit sich zu Boden. Aramis holt aus und donnert ihm die Skulptur ins Gesicht. Seine Nase knackt.

Der Mann hebt schützend die Hände vor dem Kopf, versucht Aramis abzuwehren, doch mein Freund ist schneller. Er knallt ihm die Büste gegen das Ohr und Tiberius sinkt erneut in die Tiefe. Hoffentlich bleibt er dort auch.

Schwer atmend kommt Aramis auf die Beine und blickt auf den nackten Kerl hinab. Das Bronzepferd behält er in der Hand.

Ich eile auf das Mädchen zu, das mit geweiteten Augen mal mich, dann Aramis anstarrt. Sie reißt an ihren Fesseln, windet sich. Ich beuge mich über sie, öffne erst die eine Schnalle, dann die andere. Ihre Hände kommen aus den Lederriemen frei und sofort zerrt sie sich den Knebel aus dem Mund. Mit zitternden Fingern macht sie sich über die Fußfesseln her.

Ich schnappe mir eine zerwühlte Decke und werfe sie um ihre Schultern. Eilig wickelt sie sich in den Stoff ein, bedeckt ihren geschundenen Leib. Sie schluckt schwer. Ihre Lippen zittern.

"Wie ist dein Name?", frage ich.

Sie wischt sich die Tränen aus den Augen. "Eloise."

"Die Stadtwache wird gleich da sein. Sie werden ihn verhaften, wenn du sagst, was passiert ist." Ich löse die Ledergurte vom Bettgestell und hocke mich neben den Ohnmächtigen. Fessele ihn.

"Einen Dreck werden die", bricht es aus ihr heraus. "Ich wurde zwangsverheiratet. Wie sagt man so schön? Der Mann hat nur auf sein Recht bestanden, nachdem sein Weib die eheliche Pflicht verweigert hat."

Ich mustere ihr Gesicht, in welches lange goldene Strähnen fallen. "Wie alt bist du?"

Sie starrt mich an. Ihre Miene ist angespannt, als ob sie gegen ein weiteres Schluchzen ankämpft. "Sechzehn."

Zwei Jahre älter als ich.

Aramis bemüht sich um ein sanftes Lächeln. "Er wird damit nicht durchkommen. Selbst wenn die Stadtwache ihn nicht verhaftet, uns … uns fällt schon was ein."

Bestätigend nicke ich. "Wir könnten ihn noch wegen Anstiftung zum Diebstahl drankriegen."

Ich deute auf ein Gemälde, das zwischen zwei Rundbogenfenstern an einer holzvertäfelten Wand hängt. Ein Bild mit drei geköpften Schwänen, die aus den Halsstümpfen Gold bluten. Es ist jenes Gemälde, das meine Bande und ich meinem besten Freund Joss gestohlen haben. Tiberius hat versprochen, uns zu bezahlen und sein Wort gebrochen. Darum sind wir hier: Um einen Fehler wiedergutzumachen.

Ich schlucke schwer. Ich habe meinen Freund wegen Geld verraten. Wegen Geld! Was hat mich geritten?! Erneut gehen die Zuckungen mit mir durch, sodass mein Kopf unkontrolliert zur Seite ruckt.

"Ich mach es euch einfach." Eloise springt vom Bett. Die Decke rutscht von ihrem Körper. Sie schießt zu Aramis, entreißt ihm die Pferdefigur und wirft sich auf Tiberius. Schreiend holt sie aus und drischt auf seinen Schädel ein.

"Stopp!" Bei dem Versuch, sie zu packen, stößt sie mich rückwärts. Ich stolpere, donnere gegen das Bett. Wieder schlägt Eloise zu. Blut spritzt. Sie zertrümmert seine Nase.

Aramis zerrt sie von Tiberius fort. Er ist viel größer und stärker als sie. Sie windet sich, strampelt. "Lass mich los! Lass mich! Geh weg!" In ihrer Raserei beißt sie ihm in den Arm. Aramis keucht und lässt von ihr ab. Eloise rutscht näher an den Bewusstlosen heran und hebt ein letztes Mal die bluttriefende Pferdestatue. Sie zerschmettert seinen Schädel. Knochensplitter und Hirnmasse vermischen sich zu einem widerwärtigen Brei.

Ich wende mich ab, würge. Aramis packt mich an der Schulter. Sorgenfalten treten ihm auf die Stirn. "Billie!"

"Alles gut. Mir geht's gut." Einen Scheißdreck geht es mir! Verstört blicke ich zu Eloise. Rittlings sitzt sie auf dem Toten, ihr Gesicht ist blutverschmiert. Ich rappele mich auf, entreiße ihr die Skulptur und werfe sie fort. Außer Reichweite. "Das war nicht nötig!"

Sie blickt zu mir auf. Ihre Augen sind trocken. Es folgen keine Tränen. Ein bitteres Lächeln erobert ihre Lippen. "Wenn du wüsstest, wie sehr."

"Scheiße! Verfluchte Scheiße!" Haareraufend gehe ich auf und ab. Mein Puls rast. Panisch starre ich auf das Blut. Das Fleisch. Die hervorlugenden Knochenfragmente. Der Brechreiz steigt erneut in mir auf. Ich richte den Blick auf eine dunkelgebeizte Kommode, dann auf die grünen Wandteppiche, die eine Schrankwand voller lederner Bücher säumen. Schau nicht hin! Schau überall hin, nur nicht auf das Blutbad! Hektisch atmend schließe ich für eine Sekunde die Augen. "Ihr zwei verschwindet, ehe die Stadtwache kommt. Ich halte Ausschau nach Rick und warne ihn."

Aramis schüttelt protestierend den Kopf. "Auf keinen Fall!"

"Ich muss ihn warnen!" Ich sehe Aramis eindringlich an. "Nicht, dass die Aufseher ihn für das verantwortlich machen." Ich deute auf das Massaker. "Keiner von uns wird zurückgelassen. Jetzt geht!"

***

Rick und ich rennen die dunklen Straßen entlang – die Aufseher uns hinterher. Ihre Hunde hängen uns an den Fersen, schnappen nach uns. Einer verbeißt sich in Ricks Bein. Er schreit, kracht auf das Kopfsteinpflaster. "Ah, du Mistvieh!"

"Hey!" Mit Tritten wehre ich sie ab, bis sie jaulen. Rick flucht, umklammert seine Wade. Während die Hunde noch ihre schmerzenden Schnauzen lecken, zerre ich Rick auf die Beine und ziehe ihn mit mir. Die Hunde nehmen sofort die Verfolgung auf.

Meine Augen weiten sich in Schock, als ich einen flüchtigen Blick auf sein Bein werfe. "Hey, du blutest!"

"Scheiß drauf! Weg hier!" Panik schwingt in seiner Stimme mit, während ich ihn hastig weiterziehe. Als wir an Mülltonnen vorbeihechten, reißt Rick eine um und schleudert sie den Kötern in den Weg. Ich schiebe meinen Freund weg und lasse ihn allein weiterhumpeln. Aus einer weiteren Mülltonne schnappe ich ein herausragendes Rohr, das an einem Ende abgebrochen ist. Die scharfkantige Spitze richte ich auf die Hunde.

"Wagt es!" Ich fuchtele umher, halte sie auf Abstand. Schritte kommen näher. Die ersten Männer von der Stadtwache biegen um die Ecke. In ihren Händen Pistolen. Fluchend mache ich kehrt, renne in die Richtung, in die Rick zuvor entkam. Ein Schuss verfehlt mich nur knapp und ich biege um die Ecke, sehe Rick mühsam an Kisten emporklettern, die in der Gasse abgestellt wurden. Da es keinen anderen Ausweg gibt, klettere ich ihm nach und hieve mich mit ihm über eine Bretterwand. Auf der anderen Seite angekommen, hetzen wir durch einen Hinterhof. Wir eilen zwischen den Hausmauern hindurch, erreichen eine Straße. Selbst bei Nacht ist sie belebt. Droschken und Automobile preschen an uns vorbei. Ich packe Rick am Kragen und zerre ihn zurück auf den Fußweg, ehe ein Planwagen ihn erwischt. Der nächsten Kutsche, die uns entgegenkommt, springen wir hinten aufs Fuhrwerk. Rick klammert sich am Rahmen fest und verzieht schmerzvoll das Gesicht. Über dem Kopfsteinpflaster werden wir ordentlich durchgeschüttelt.

"Wie schlimm ist es?", frage ich. Verstohlen blicke ich auf sein Hosenbein. Der Stoff ist aufgerissen, fleckig vor Blut.

"Schlimm", presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. "Beim Heiligen Aramis, was ist da drin passiert? Warum sollte ich abhauen?"

"Tiberius … er ist tot."

Ricks Kinnlade klappt nach unten. "Was?!"

Ich blicke über die Schulter. In diesem Moment eilt die Stadtwache aus einer Seitengasse auf die Straße. Ausschau haltend drehen sie sich in alle Richtungen. Die Nachtschichtarbeiter, Huren und Fuhrwerke sowie die Dunkelheit erschweren es ihnen, uns zu entdecken. Als unsere Kutsche in die nächste Straße abbiegt und wir gänzlich aus der Sicht der Aufseher verschwinden, schließe ich meine Augen und presse den Kopf gegen die Wand des Wagens. Erleichtert atme ich auf. Was für eine ätzende Nacht.

***

Rick humpelt neben mir her. Ich stütze ihn, während wir uns der Fischerei nähern, die auf Stelzen über dem Wasser gebaut wurde. Wellen schwappen ans Ufer. Der Steg ächzt, als wir ihn betreten. Das Gebäude ist schon seit vielen Jahren verlassen und dient uns Straßenkindern als Unterschlupf.

Ich ziehe die Tür auf und trete mit meinem Freund ein. Noch immer riecht es hier nach Fisch und Blut. Das Holz, das uns umgibt, ist mit einer Salzkruste überzogen und die Dielenbretter sind seit der letzten Flut noch immer feucht und voller Algen.

"Na endlich!" Sawyer, meine Schwester, eilt auf mich zu. "Was ist passiert? Seid ihr verwundet?"

"Ich nicht. Aber er." Mit einem Nicken deute ich auf Rick. Sawyer führt ihn zum Tisch. Er setzt sich auf die Platte und zieht das Hosenbein hoch. Die Bisswunde hat sich violett verfärbt, ist geschwollen und blutverkrustet. Erschöpft sinke ich an der Tür herab und bleibe auf dem Boden sitzen. Lausche dem Rauschen des Meeres. Ich reibe mir das Gesicht, wische braune Strähnen aus meiner Stirn und blicke in die Gesichter der Anwesenden.

Eloise sitzt mit angewinkelten Knien auf einem Haufen Decken, die auf dem Boden ausgebreitet wurden. Die Kleidung, die sie trägt, ist unverwechselbar von meiner Schwester. Eine schwarze Hose und ein beiges Hemd voller Flicken, das an ihrem dünnen Leib viel zu groß wirkt. Ihr blondes Haar fällt ihr bis auf die Brust. Sie blickt nicht auf, sondern starrt emotionslos in die Leere.

Es ist derselbe glasige Blick, den ich vor Jahren bei Sawyer beobachtet hatte, nachdem unsere Mutter die Münzen eines Fremden annahm, und ihm die Erlaubnis gab, zu ihr ins Zimmer zu gehen.

Ein Blick, wie auch ich ihn wohl ins Gesicht gebrannt bekam, als Mutter auch von mir verlangte, ihren Gast willkommen zu heißen.

Mutter.

Ein Frösteln jagt mir über die Arme und ich verdränge die Erinnerungen an sie und die Besuche der Männer.

Aramis hockt neben Eloise, redet auf sie ein. Sie haben dasselbe blonde Haar, sind beide hochgewachsen. Man könnte meinen, er sei ihr Bruder.

"Du sagtest, du wurdest mit Tiberius zwangsverheiratet", beginne ich. "Wie ist das denn passiert?"

Eloise senkt den Kopf noch tiefer. Starrt verbissen auf ihre Knie. Wir alle schauen sie erwartungsvoll an. Als sie nach einer Weile noch immer schweigt, räuspert sich Aramis. "Wurde das von deiner Familie organisiert?"

Eloise hebt den Blick, seufzt und lehnt den Kopf gegen die Wand hinter sich. "Meine Eltern sind schon eine Weile tot. Es gibt nur noch mich und meine … meine kleine Schwester."

Sawyer und ich wechseln Blicke.

"Wo ist sie?", frage ich.

Eloise schüttelt den Kopf. "Ich weiß es nicht. Elaine und ich lebten auf der Straße, ehe wir eines Nachts von Männern überfallen wurden. Wir …" Ihre Lippen zittern. "Wir wurden an einen unbekannten Ort gebracht. Ich weiß nicht mehr, wie wir da hinkamen. Ich war ohnmächtig und meine Schwester sagte, man habe ihr einen Sack über den Kopf gestülpt, damit sie nichts sieht. Als ich aufwachte, waren wir in einem Keller. Es gab Käfige, in denen andere Mädchen gefangen gehalten wurden. Eines Tages gab es eine Veranstaltung … eine Auktion. Tiberius hat mich und meine Schwester ersteigert. Mich hat er anschließend geheiratet."

"Seit der Begnadigung des Kitzes ist Menschenhandel und Sklaverei verboten", sagt Aramis. "Wie nennen sich diese Typen, die Hochzeiten als gültig erklären? Waren das nicht irgendwelche Priester aus dem Heiligtum der Ordnung? Wieso haben die das geltend gemacht?"

"Weil …" Eloise schluckt schwer. "Weil Tiberius meine Schwester als Druckmittel gegen mich benutzt hat. Ich wollte nicht, dass ihr etwas passiert, also habe ich der Hochzeit zugestimmt, ohne irgendwem zu erzählen, was uns angetan wurde." Sie schnaubt abfällig. "Vor ein paar Wochen versuchten wir zu fliehen. Elaine konnte entkommen. Ich wurde erwischt."

"Wie alt ist Elaine?", frage ich.

Ihre Stimme ist dem Brechen nahe. "F-fünf."

"Wir finden sie schon", meint Sawyer. Sie verschränkt die Arme vor der Brust und bläst sich eine rote Strähne aus dem sommersprossigen Gesicht. "Wo glaubst du, ist sie hingegangen?"

Eloise zieht die Nase kraus. "In ihrer Naivität? Mit Sicherheit zur Stadtwache."

"Die Aufseher könnten sie in ein Waisenhaus gebracht haben", entgegnet Aramis.

"Ignoriert und auf der Straße gelassen – das wohl eher!" Rick schnalzt mit der Zunge. "Die Waisenhäuser sind überlastet. Da bringt man keine Kinder mehr hin." Er tupft seine Wunde mit einem alkoholgetränkten Tuch ab und wickelt Stofffetzen um seine Wade. Qualvoll verzieht er das Gesicht. Sein schwarzes Haar klebt ihm schweißnass an der Stirn. "Sicher hockt sie in irgendeiner Gosse und durchwühlt Mülltonnen nach was Essbarem. Wobei … sie ist fünf. Fünf! Und sicher allein. Die ist längst den Mücken und der Seuche zum Opfer gefallen."

"Hey!" Sawyer rümpft die Nase. "Sag das nicht."

Rick hebt die Stimme. "Ist doch wahr! Wenn sie gestochen wurde, hat die Stadtwache sie längst in den Quarantänebezirk abgeschoben. Auf Nimmerwiedersehen."

"Sie ist nicht infiziert. Sie darf es nicht sein!" Eloise blickt panisch in die Runde. "Bitte. Helft mir, sie zu finden." Ihre Augen bleiben an Aramis haften. Sie packt seinen Arm. "Bitte, sie darf sich nicht aus Verzweiflung einer anderen Kinderbande anschließen! Da draußen gibt es Banden, die von Leuten angeführt werden, die genauso schlimm sind wie der Scherbenprinz!"

Aramis entreißt sich ihrem Griff und hebt die Arme. "Wow! Schau nicht mich so erwartungsvoll an. Ich bin zwar der Älteste, aber ich hab hier nicht das Sagen." Aramis deutet auf mich. "Billie ist der Boss."

"Von wegen Boss!" Ich grinse schief. "Ich behaupte nur, dass ich von uns allen die besten Ideen habe."

Sawyer kräuselt die Lippen. "Und das größte Maß an Bescheidenheit hast du gleich noch mit dazu."

"Bevor ihr gefangen wurdet, wo seid ihr immer hingegangen, um nach Essen zu suchen?", frage ich.

"Es gibt einige Pubs, die Essensreste wegschmeißen", erklärt Eloise. "Wir waren oft beim Sterbenden Krüppel. Oder beim Boxclub und den Tavernen am Hafen."

"Wir werden uns aufteilen und nach Elaine Ausschau halten. Wenn sie auftaucht, sprechen wir sie auf dich an", bestimme ich. "Wie sieht sie aus?"

"Wie eine jüngere Version von mir", erklärt Eloise. "Blondes Haar. Es reicht ihr weit über die Schultern. Blaue Augen und sie trägt immer einen Stoffhasen mit sich, dessen rechtes Ohr abgerissen ist."

Ich nicke. "Wir finden sie schon."

"Lasst uns jetzt gleich nach ihr suchen!" Eloise rappelt sich vom Boden auf, ballt entschlossen die Hände zu Fäusten. Sie macht einen Schritt vor, strauchelt und keucht. Sofort presst sie sich die Hand auf den Unterleib, als hätte sie noch immer Schmerzen von Tiberius' Misshandlung. "Ich muss sie finden! Sie ist so jung … sie darf nicht ohne Schutz da draußen sein! Es ist gefährlich!"

Ich komme auf die Beine, nähere mich Eloise. Obwohl ich müde bin und alles in mir rebelliert, jetzt noch einmal rauszugehen, nicke ich. Die Gefahr für Elaine ist real und Schlaf für mich nur Zeitverschwendung. "Also gut. Rick, du bist verwundet. Du bleibst hier. Alle anderen, die noch können, kommen mit."

Aramis schenkt Eloise ein aufmunterndes Lächeln. Sie erwidert es zaghaft und folgt ihm zur Tür. Neben dem Eingang schnappt er sich Schmetterlingsnetze von der Kommode und reicht eines an sie weiter. Er gibt auch mir und Sawyer eins, ehe wir zu viert nach draußen treten.

"Wir bilden Zweiergruppen", schlage ich vor. "Ich prüfe mit Eloise den Boxclub und den Sterbenden Krüppel und ihr sucht beim Hafen den Marktplatz und die Tavernen ab."

Aramis nickt. Wir laufen über den Steg hinüber zur Promenade, ehe sich unsere Wege trennen. Eloise reibt sich über die Schultern, während wir nebeneinanderher laufen.

Der Regen peitscht unablässig auf die Straße. Die Luft ist geschwängert vom Rauch und den Abgasen der Fabriken. Überlagert wird der Gestank von Pferdescheiße. Die Straßenlaternen, die unseren Weg säumen, sind erloschen. Seit dem Ausbruch der Seuche brennen nur noch wenige bei den großen Hauptstraßen. Die Angst, dass das Licht die Nepusmücken anlockt, sorgt dafür, dass die Menschen die Helligkeit hinter Fensterläden einsperren.

In einer Gasse, wo hohe Hausmauern den Regen bremsen, tauchen ein paar Mücken auf. Groß wie die geballte Faust eines Mannes. Ihr Surren so laut wie das Schnurren einer Katze. Mit den Schmetterlingsnetzen schnappen wir sie aus der Luft und zermalmen sie auf dem Kopfsteinpflaster.

Bis zum Boxclub und dem Pub ist es ein weiter Weg. Genug Zeit, um Eloise genauer auszufragen.

"Weißt du, wer die Sklavenhändler waren? Hast du ihre Gesichter gesehen?"

Sie schüttelt den Kopf, fängt eine Mücke und tritt sie platt. "Als sie uns angriffen, waren sie maskiert. Und während der Auktion verband man uns die Augen. Als man uns in den Keller brachte, konnte meine Schwester zwar wegen des Sackes über ihrem Kopf nichts sehen, aber sie meinte, wir müssten auf ein Boot verladen worden sein. Sie sagte, es war schaukelig, sie konnte die Wellen hören und Salzwasser schmecken, wenn die Gischt sie traf. Ich weiß nicht, ob uns das hilft."

Ich hebe die Schultern. "Vielleicht setzt sich das Puzzle zusammen, wenn wir mehr Informationen haben. Möglicherweise wurdet ihr zu einer Insel gebracht."

Eloise schüttelt den Kopf. "Keine Insel. Wir kamen zwar mit dem Boot in den Keller, aber als Tiberius uns kaufte, landeten wir per Kutsche bei ihm zu Hause."

"Ein Haus in Ufernähe."

Eloise nickt. "Ist zwar nichts Genaues, aber ein Anhaltspunkt."

Droschken rumpeln über das Pflaster. Der Klang der Hufen hallt durch die Gassen und mischt sich mit dem Getöse der Fabrikmaschinen. Müde Arbeiter in abgetragener Kleidung schlurfen schwerfällig an uns vorbei. Ihre verbitterten Mienen hellen sich nur auf, wenn ihnen eine Hure zuwinkt. Eine hebt aufreizend ihren Rock und reibt ihren Hintern an einer Straßenlaterne. Der raue Charme von Asvangr.

Ich knete die Hände, blicke zögerlich zu Eloise, die mit hängendem Kopf neben mir hergeht. "Deine Schmerzen … kann ich irgendwas tun, um dir zu helfen?"

Sie schüttelt den Kopf. "Ich wüsste nicht was. Ich muss selbst heilen."

"Möglich, dass du mir in dem Punkt nicht zustimmst, aber … Vergeltung nützt dir nichts. Tiberius zu töten heilt nicht deine Wunden. Wenn du Wiedergutmachung möchtest, dann lass ihn in ein Arbeitslager bringen, wo er dir und deiner Schwester Schmerzensgeld beschafft. Ich weiß, deine Misshandlung wird wegen eurer Ehe nicht als Verbrechen beurteilt, aber für den Menschenhandel hätten wir sicher Beweise gefunden, mit denen wir ihn in ein Straflager hätten bringen können."

Eloise weicht meinem Blick aus. Stur starrt sie nach vorn, die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Eine Gänsehaut zieht sich über meinen Rücken. Sie ist wie aus Milch und Honig geschaffen. Trotz ihrer Wunden wirkt sie in allem makellos. Schön wie eine Göttin und ebenso gefährlich. Sie ist eine Mörderin.

Summen an meinem Ohr. Ich drehe mich um, schnappe mir die Nepusmücke mit dem Schmetterlingsnetz und zerquetsche sie am Boden.

"Arbeitslager, Schmerzensgeld. Ich scheiß auf seine Wiedergutmachung. Nichts macht das je wieder gut!" Eloises Stimme ist schneidend scharf. "Scheiße." Sie schnieft, wischt sich eine aufkommende Träne fort. "Nimmst du in Kauf, dass so jemand aus der Haft ausbricht oder von korrupten Wachen freigelassen wird und da weitermacht, wo er aufgehört hat?"

"Nein!" Wie erstarrt bleibe ich stehen. "Vielleicht war mein Plan nicht zu Ende gedacht. Aber jemanden zu töten sollte immer außer Frage stehen, wenn man Gefängnisse besser sichern und bestechliche Wachen aussortieren könnte. Tiberius könnte mit Zwangsarbeit Waisenhäuser unterstützen. Bessere Waisenhäuser, weniger Straßenkinder. Weniger schutzlose Kinder, die entführt werden."

"Dieses Königreich ist noch weit davon entfernt, ein rosiges Paradies zu werden. Du hast keinen Einfluss, um darüber zu entscheiden, wie man Straflager sichert oder welche Wachen man aus dem Dienst entlässt." Eloise schluckt schwer, atmet tief durch. "Wunschträume enttäuschen uns nur. Hättest du erlebt, was ich erlebt habe, würdest du anders denken. Solche Männer verdienen den Tod."

Mutter.

Männer, die uns bei Nacht besuchen. Die unserer Mutter Geld geben. Wie sie Sawyer und mich berühren, unsere Tränen ignorieren. Unser Winseln. Dieser ranzige Geschmack, als wir ihre Schwänze lutschen mussten.

Ich beiße mir auf die Lippen. Das erstickende Gefühl kehrt zurück und ich schaue zur Seite. Es ist vorbei. Vorbei! Ich bin frei!

"Ich verstehe sehr gut, was du durchmachen musstest. Und ich bleibe dabei. Keine Todesstrafe. Ich will, dass sie in dem miesesten Dreckloch der Welt leiden und ihre Tat für den Rest ihres Lebens bereuen."

***

In dieser Nacht finden wir Eloises Schwester nicht. Als die Sonne nur ein schmaler Streifen am Horizont ist, kehren wir schlurfend und mit hängenden Schultern zur Fischerei zurück. Ich habe keine Kraft mehr, keine Lust noch weiterzusuchen und zu riskieren, dass ich einschlafe, wenn ich mich kurz zum Ausruhen an eine Hausmauer lehne.

Wir trotten über den Steg auf den Eingang zu. Die Fenster sind von innen mit Moskitonetzen und dicken braunen Flickentüchern versperrt, sodass kein Licht zu erkennen ist. Nur unter dem Türschlitz dringt ein winziger Strahl hindurch.

Ehe ich die Tür öffne, hält Eloise mich mit einem Räuspern zurück. "Danke. Ähm …" Sie blickt zur Seite, in die Wellen, die gegen den Steg schlagen. "Dass du und deine Leute mich befreit haben. Und dass ihr mir bei der Suche nach Elaine helft."

Ich zucke mit den Achseln. "Kein Problem."

"Nicht jede Bande würde das für eine Fremde tun", fährt sie fort. "Die meisten Leute, die ich kennengelernt habe, denken nur an sich selbst, ohne – ja?" Sie blickt mich fragend an.

Ich lege den Kopf schief. "Ja, was?"

"Wolltest du was sagen?"

"Nee?"

"Aber du hast eben meinen Namen gesagt."

Ich runzele die Stirn. "Ich hab gar nichts gesagt."

Eloise blickt zur Tür. Ich folge ihrem Blick, lausche in die Stille. Aus der Fischerei dringt Gemurmel. Ricks Stimme. Aramis mischt sich dazu. Er und Sawyer sind vor uns zurückgekehrt. Ich grinse schief, als Rick zu sprechen beginnt und Eloises Name erneut fällt. Ich deute mit dem Daumen auf die Tür, betone jedes Wort dramatisch, als ich scherze: "Kaum kennengelernt und schon reden sie hinter deinem Rücken über dich."

Eloise schmunzelt freudlos. Ich seufze. Was für ein erbärmlicher Versuch, sie nach allem, was passiert ist, aufzumuntern.

Sie tritt an die Tür. Lauscht. Das Wispern aus dem Inneren erreicht mich nur bruchstückhaft. Eloise. Tiberius. Zwangsheirat. Es ist Aramis, der spricht. Ich trete näher, um mehr aufzuschnappen.

"Wir sollten nicht über sie urteilen, wenn wir nicht dasselbe durchgemacht haben. Ich weiß nicht, ob ich Tiberius am Leben gelassen hätte, wäre ich sein Opfer gewesen. Oder einer von euch."

"Keiner von uns spricht es aus, aber du denkst es bestimmt auch", setzt Rick an. Er lacht leise. "Wie sie an das Bett gefesselt war … nackt. Ehrlich, man kann es Tiberius fast nicht übelnehmen. Ich meine … allein schon diese Haare! Eloise ist echt eine Goldpuppe."

Ich ziehe scharf die Luft ein, verspanne mich. Ein Blick zur Seite und ich sehe, wie Eloise die Lider auseinanderreißt. Ihr Mund klappt auf. Jegliche Farbe weicht aus ihrer Miene. Ihre Augen glänzen feucht, als ob sich erneut Tränen anbahnen.

"Du bist echt kaputt, Alter!", faucht Aramis. "Spinnst du?"

Es klatscht. Fleisch auf Fleisch. Rick kreischt: "Au! Was soll das?!"

"Was das soll? Benutz deinen Kopf!"

"Hey, sorry! Das war doch nur so dahergesagt!" Rick lacht nervös. "Kein Grund glei-"

Eloise reißt die Tür auf und tritt ins Innere.

Gelähmt bleibe ich draußen stehen, sehe, wie sie das Schmetterlingsnetz fallen lässt und auf Rick losgeht, ihn am Handgelenk packt und es verdreht. Er schreit erneut und geht in die Knie.

"Ich bin nicht deine Goldpuppe!" Sie schnappt sich ein Messer vom Tisch. "Ich bin niemandes Goldpuppe, kapiert?!"

Sie hebt die Klinge. Ihre Hand zittert.

Ich stürme ins Innere. "Nicht!"

Eloise schneidet sich eine Strähne ab. Das goldene Haarbüschel fällt zu Boden. Sie spuckt darauf, spuckt auf Rick und greift sich wieder ins Haar. Noch eine Strähne fällt zu Boden. Die Nächste, die sie abschneidet, bespuckt sie erneut und wirft sie Rick ins Gesicht. Eine Weitere stopft sie ihm in den Mund. Er würgt.

Sawyer hetzt in den Raum, sieht abwechselnd zu Eloise und Rick. Dann hilfesuchend zu mir. "Beim Heiligen Aramis, was zum…?"

"Es reicht! Stopp!" Ich werfe mich von hinten auf Eloise, versuche, ihr das Messer zu entreißen. Sie ist viel größer und stärker als ich. Um sich schlagend kämpft sie sich aus meiner Umklammerung frei und stößt mich nach hinten. Schneidet sich weitere Haarbüschel ab. Als ihr Schädel bis auf ein paar zerrupfte Strähnen kahl ist, wirft sie das Messer fort, packt Rick am Kragen und zerrt ihn zu sich heran. In ihren Augen lodert das Feuer. "Bin ich immer noch deine Goldpuppe?!"

***

Unsere Suche nach Elaine dauert jetzt schon zwei Wochen. Die Kälte des Frühlings weicht langsam dem Pisswetter des Sommers. Es regnet wie aus Kübeln. Die Straßen gleichen Flüssen und aus den Schachtdeckeln quillt das Abwasser. Zudem ist es so ekelhaft schwül, dass die Luft schwer zwischen den Häusern hängt und mir der Schweiß dauerhaft am Leib klebt.

Während Sawyer und Eloise nach ihrer Schwester suchen und ich Rick dazu verdonnert habe, die Fischerei wasserdicht zu bauen, wage ich es mit Aramis zurück in Tiberius' Haus. Seit seinem Tod geht da selten jemand hinein. Die Stadtwache scheint ihre Suche nach Beweisen eingestellt zu haben. Ehe sich seine Verwandten über sein Erbe hermachen, muss ich meine Chance nutzen. Vielleicht findet sich in seinem Kram ein Hinweis zu dem Kinderhandel. Eine Einladung zu einer Auktion. Eine Adresse. Eine Kontaktperson. Irgendwas, was uns hilft, die Menschenhändler aufzuspüren.

Durch die Rundbogenfenster erhaschen wir einen Blick ins Innere. Pure Finsternis. Nicht nur wegen des Lichtmangels, sondern auch wegen der Ereignisse, die sich in dem Gebäude abgespielt haben. Ein Portal aus massivem Holz und aufwendigen Schnitzereien sperrt all das Übel, das dort drin stattfand, perfekt ein. Als sei die Vergangenheit, die das Haus hütet, ein Monster, das niemals entkommen darf.

Auf der Suche nach einem unauffälligen Eingang schlagen wir uns durch den Garten. Ein Friedhof, bestehend aus verwilderten Pflanzen. Zwischen all den kahlen Rosenranken, die den letzten Winter nicht überstanden haben, stoßen wir auf ein eingeschlagenes Kellerfenster. Jemand war hier. Oder ist hier. Aramis und ich wechseln alarmierte Blicke. Ich gehe vor dem Fenster in die Hocke, mustere die Glasscherben. An manchen klebt Blut. Es glänzt feucht im Mondlicht, als ob erst vor wenigen Minuten jemand hier eingedrungen ist.

Ich richte mich auf, werfe einen Blick über die Schulter. Um uns herum sind hohe Hecken, die die Sicht auf die Straße versperren. Falls es mehrere Einbrecher gibt und einer Wache hält, hat dieser uns eh schon entdeckt.

"Vielleicht jemand, der sich das Beste aus den Hinterlassenschaften herauspickt", mutmaßt Aramis. Er blickt zu Boden, runzelt die Stirn. "Oder vielleicht auch nicht. Da!"

Seinem Blick folgend, schaue ich auf die aufgeweichte Erde. Neben unseren Fußspuren gibt es weitere. Viel zu klein, um einem Erwachsenen zu gehören. Kleiner als meine. Bis auf diese gibt es keine weiteren Abdrücke im Boden. Wer immer da drin ist, ist vermutlich allein. Und uns mit Sicherheit unterlegen. Keine Bedrohung.

Meine Hände kribbeln, werden schwitzig. Ich schnappe mir einen Stein aus dem Beet vor der Hausmauer und schlage die restlichen Scherben ein, bevor wir uns beim Hineinklettern ebenso verletzen. Irgendwer ist da drin. Und ich habe eine Ahnung, wer es sein könnte.

Das Haus scheint zu atmen. Wie alle alten Bauten singt es sein Schlaflied aus knarrendem Holz. Das Trappeln von Mäusen ertönt und außen gluckert das Wasser durch die Regenrinnen. Jeder Schritt, und sei er noch so leise, hallt wider wie der Schrei einer verlorenen Seele.

Ich lausche, halte den Atem an, um irgendein Geräusch auszumachen, das von einem Menschen stammen könnte. Alles, was ich höre, sind lediglich Aramis' leise Atemzüge.

Ich schlucke schwer, straffe die Schultern. "Elaine?"

Abgesehen von dem andauernden Knarzen der Holzbalken und Dielenbretter, bleibt es um uns herum still.

Wir wagen uns tiefer in das Innere, durchqueren Korridore und Räume. Das Mondlicht, das durch die Fenster dringt, umhüllt die Möbel wie ein morbider Schleier.

Muffiger Geruch schlägt uns entgegen, als wir eine Tür öffnen. Seit Tiberius' Tod wurde hier scheinbar nicht mehr gelüftet. Mit einem gequälten Ächzen gibt sie nur widerwillig den Blick in die Kammer dahinter frei. Schränke und Vitrinen, gefüllt mit kunstvollen Büsten, zeigen sich. Skulpturen wie diese, mit der Eloise Tiberius' Schädel eingeschlagen hat. Eine Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus, als der Gedanke wieder an meinem Gewissen zehrt: Wir helfen einer Mörderin.

Aramis und ich schleichen weiter. Wenn wir sprechen, dann nur flüsternd. Nächster Raum. Ein Salon, dessen einst prächtiges Klavier nur noch die Melodie des Schweigens spielt. Dann jenes Schlafzimmer, in welchem wir Eloise fanden. Ihre Albträume hängen spürbar zwischen diesen Wänden.

Ich befeuchte meine trockenen Lippen mit der Zunge und rufe beim Verlassen des Schlafzimmers: "Elaine?"

Aramis stellt sich neben mich. "Eloise ist in Sicherheit. Wir können dich zu ihr bringen!"

"Elaine?"

Türangeln quietschen. Mein Herz setzt für einen Moment aus, während wir uns instinktiv in die Richtung des Geräusches wenden. Im Türrahmen des anliegenden Raumes steht eine schemenhafte Gestalt. Klein und zierlich wie eine Rose, die zu wenig Wasser und Fürsorge bekommt. Als sie uns sieht, weicht sie in den Raum zurück und bleibt vor einem zersplitterten Spiegel stehen. Ihr vom Mondlicht beschienener Körper wird von den Scherben in tausend zerschnittene Reflexionen verzerrt.

"Elaine", flüstere ich behutsam. "Wir tun dir nichts. Alles wird gut. Wir haben Eloise gefunden und sie sucht verzweifelt nach dir. Wir können dich zu ihr bringen."

Ihre Augen funkeln misstrauisch, während sie uns von oben bis unten mustert. Ihre kindliche Naivität scheint tiefe Narben zu tragen, verursacht von früheren Begegnungen mit Verrat, Leid und - Tiberius.

Ich strecke vorsichtig meine Hand aus, als ob sie die Kluft zwischen uns überbrücken könnte. So wie ich einen Schritt vorsetze, weicht sie einen zurück. "Elaine, ich weiß, dass du uns nicht kennst und dass du Angst hast. Aber wir sind hier, um dich zu schützen, um dich zu deiner Schwester zurückzubringen."

"Sie ist nicht hier." Ihr Weinen hallt durch das Gemäuer. "Wo ist Elo?"

Statt auf sie zuzugehen, geht Aramis in die Hocke, macht sich klein. "Wir haben sie vor zwei Wochen befreit. Sie ist in Sicherheit. In einer Fischerei im Hafen."

"Und der böse Mann?"

Aramis blickt zögerlich zu mir. Als ich nichts sage, meint er: "Eloise hat ihn besiegt. Du hast eine sehr starke Schwester, weißt du? Er kommt nicht mehr zurück." Er schnappt kurz nach Luft. "Nie mehr."

Ich nicke. "Er wird dir nicht mehr wehtun. Keiner wird das mehr."

"Wie heißt ihr?"

"Ich bin Aramis."

Das Mädchen blinzelt. "Aramis? So wie der Halbgott?"

"Ja, wie der Heilige Aramis."

Sie sieht zu mir und ich antworte: "Billie."

"Warum seid ihr hier?"

Ich mache es Aramis nach und gehe in die Hocke. Es scheint Elaine tatsächlich zu beruhigen. Ihre angespannten Muskeln lockern sich etwas.

"Eloise sagte, ihr seid verkauft worden. Wir wollten in diesem Haus nach Hinweisen suchen. Nach etwas, das uns mehr über die bösen Männer verrät. Damit wir sie finden und aufhalten können."

"Seid ihr Helden?"

Ich grinse schief. "Ja, Helden."

"Schwört es! Versprecht, dass ihr mir nichts tut!"

Ich lege die Hand über mein Herz. "Ich schwöre es beim Gott der Ordnung und beim Heiligen Aramis. Wir tun dir nicht weh. Wir bringen dich sicher zu Eloise."

"Der Chaosdämon soll uns holen, wenn wir lügen", fügt Aramis hinzu, ebenso die Hand auf seiner Brust ruhend. "Ich schwöre."

Zögerlich tritt sie auf mich zu.

"Ich will zu Elo", schluchzt sie.

Mit einem Nicken strecke ich die Hand nach ihr aus. Sie überwindet die letzten Meter zwischen uns und greift nach meinen Fingern. Sie ist ganz kalt. Vorsichtig stehe ich auf, bewege mich so langsam wie möglich, um sie nicht zu verschrecken. Als sich Aramis erhebt, weicht sie leicht vor ihm zurück. Er ist fast doppelt so groß wie sie.

"Bringen wir sie heim", meine ich. Ein Tic lässt mich grunzen und eine Grimasse schneiden. "Wir suchen später nach Hinweisen zu den Kinderfängern."

Aramis nickt, macht kehrt. Wir bahnen uns unseren Weg zurück zum Keller. Dort angekommen, hebt Aramis zuerst Elaine aus dem zerschlagenen Fenster, dann mich. Ich greife ins Innere, packe die Hand meines Freundes und zerre ihn nach oben.

Wieder strecke ich Elaine die Hand hin. Schüchtern greift sie danach und erwidert nur zaghaft mein Lächeln. "Hast du Hunger?"

Sie nickt stumm.

"Wir haben gestern eine Bäckerei geplündert. Wir haben noch ein paar Törtchen."

Aramis grinst schief. "Wenn Sawyer die nicht längst gefressen hat."

***

Die hölzernen Stelzen, die die Fischerei nach oben stemmen, ragen wie verwitterte Arme aus dem Wasser. Die morschen Bretter des Steges knarren im Einklang mit den Wellen, als ob sie den letzten Atemzug einer vergessenen Epoche hauchen. Aramis, Elaine und ich erreichen die Veranda. Über dem Geländer, welches die Terrasse säumt, hängen massenhaft Netze. Als ich die Tür öffne, quietschen die Angeln so stark, dass Sawyer, Eloise und Rick sofort die Köpfe zu uns drehen.

Elaine tritt zögernd ein, schaut in alle Richtungen, um alles in sich aufzusaugen. Ihr Blick streift Eloise. Durch die Halbglatze mit den zerrupften Haarbüscheln scheint sie ihre Schwester nicht auf Anhieb zu erkennen. Verzweifelt blickt die Kleine sich weiter um. "Elo?"

Eloise zögert, als ob sie das Wunder nicht fassen kann. Tränen sammeln sich in ihren Augen, ihre Lippen beben.

Elaine reißt die Lider auf, schnappt hörbar nach Luft. "Elo!"

Ein Lächeln breitet sich auf Eloises Gesicht aus. Sie öffnet die Arme und eilt auf ihre kleine Schwester zu, die ihr entgegenrennt. Eloise fängt sie auf und drückt sie fest an sich.

"Beim Gott der Ordnung, Elaine!" Sie schluchzt, lacht und presst ihr einen Kuss auf die Stirn. "Ich dachte, ich würde dich nie wieder sehen!"

"Ich h-habe dich gesucht!", winselt ihre kleine Schwester. "In dem … dem Haus. Aber du warst nicht da. Niemand … keiner war da."

"Ich bin hier. Alles wird gut. Ich bleibe bei dir."

Meine Eingeweide knoten sich bei dem Anblick zusammen. Das beißende Gefühl der Eifersucht zerfrisst mich von innen. Ich schlucke schwer. Ob Joss und ich eines Tages auch …? Nein. Ich habe ihn verraten. Mein bester Freund hat keinen Grund, sich zu freuen, sollten wir uns je wieder über den Weg laufen. Keinen Grund, mich zu umarmen. Ich habe ihn bestohlen und somit sein Vertrauen verspielt.

Seufzend schließe ich die Haustür hinter mir, schlurfe zu einem Bett und lasse mich darauffallen. Der Geruch von feuchtem Holz und Meeresbrise umhüllt mich wie eine erstickende Decke.

Eloise löst sich aus der Umarmung und blickt abwechselnd zu mir und Aramis. "Danke! Danke für alles, was ihr für uns getan habt!"

Ich lächle schwerfällig. "Kein Ding."

Eloise greift nach den Händen ihrer Schwester und hält sie fest.

"Elly", flüstert sie mit einem breiten Grinsen. "Ich habe mir so oft vorgestellt, wie es sein würde, dich zu finden, aber die Realität … beim Heligen Aramis … die Realität übertrifft alles!"

Freudig quiekend springt die Kleine ihr um den Hals, lacht und kreischt. Überrumpelt stolpert Eloise nach hinten und donnert auf die Dielenbretter. Kichernd, bis es ihr Tränen entlockt, bleibt sie auf dem Boden sitzen.

"Hey, seid leise. Hört ihr das?" Sawyer zwingt die anderen zum Schweigen. Sie verstummen, blicken alarmiert auf.

Ich verlasse das Bett, verspanne mich.

"Da war etwas. Irgendwer ist da", wispert Sawyer. Wir lauschen in die Stille, darauf wartend, dass sich jemand zu erkennen gibt. Draußen toben die Wellen. Der Sturm, der an den Fenstern rüttelt, heizt meine Angst an. Es klingt wie das Jaulen der Seemänner, die auf dem Meer ertranken. Ich kneife die Lider zusammen. Mein Herz pocht schneller und mein Körper zuckt unkontrolliert. Ein Tic geht durch meinen Kopf, sodass dieser ungewollt zur Seite fliegt. Ein zweiter Tic lässt meine Wange zittern. Ich ignoriere es und visiere den Schatten unter dem Türspalt an. Eine Bewegung. Ein Schnüffeln. Ein Hund? Von der Stadtwache?

Ein Knurren folgt.

"Lauft!"

Die Stille der Nacht wird jäh durchbrochen, als jemand die Tür zur Fischerei mit rauer Gewalt aufstößt.

Ich packe Sawyer am Arm, springe auf den Hintereingang zu. Meine Freunde hechten mir nach. Als ich die Klinke herunterdrücken will, wird die Tür von außen aufgerissen. Männer bäumen sich vor uns auf. Ihre Gesichter sind mit Tüchern verhüllt und ihre dunkle Kleidung verschmilzt mit der Nacht. Bellend und mit vor Speichel triefenden Lefzen stürmen drei Hunde ins Innere und treiben uns zurück.

Ein erneuter Tic lässt mich zucken. Ich lasse Sawyer los und attackiere den Fremden, der sich vor uns aufbaut und ein Fischernetz ausbreitet, um uns zu packen.

Elaine kreischt: "Kinderfänger!"

"Scheiße!" Verzweifelt schlage ich auf den Mann ein. Reiße an seinem Netz. Sawyer kommt mir zu Hilfe.

Drei weitere Männer stürmen in die Fischerei. Vier. Dann fünf. Es werden immer mehr. Eloise schreit. Sie wird gepackt und auf die Dielen gedrückt. "Bitte, verschont meine Schwester! Sie ist erst fünf! Macht mit mir, was ihr wollt, aber bitte nicht sie!"

Ihr Angreifer zückt Seile, fesselt sie. Und ich kann nichts tun, außer mich gegen meinen eigenen Feind zur Wehr zu setzen, der mich mit dem Fischernetz umschließt.

"Nein! Lasst mich!" Sawyers Schrei erreicht meine Ohren. Ich blicke zu meiner Schwester, die mit einer wuchtigen Ohrfeige zu Boden kippt, Blut spuckt, stöhnt. Ihre Arme zittern. Sie versucht, gegen den Fall anzukämpfen, indem sie sich auf ihre Unterarme stemmt. Sie bekommt einen zweiten Kinnhaken. Ein Tritt in den Magen bringt Sawyer endgültig zu Fall. Ich glaube, ihre Knochen knacken zu hören, während sich das Gewicht des Fremden auf ihren Körper presst.

Ein Kribbeln geht durch meinen gesamten Körper und kündigt die nächsten Tics an, die mich durchschütteln werden. Mein Knie schießt in die Höhe, mein Rücken krümmt sich unkontrolliert zusammen.

"Ihr Schweine!", brüllt Aramis, dem eine Pistole an den Kopf und ein Messer an die Kehle gepresst wird. Es bedarf zwei Männer, um ihn festzuhalten. "Lasst sie sofort los!"

"Fasst sie nicht an!" Ich reiße an dem Netz, das mich umschließt. Es engt meine Bewegungen ein. Die Seile schnüren sich immer straffer um mich. Bald ist Treten genauso nutzlos wie Schreien. "Sawyer!"

Die Hunde schnüffeln, laufen in der Hütte umher und bellen, als sie Rick finden. Die Männer ziehen ihn unter dem Bett hervor, knebeln und fesseln ihn.

Ich fletsche die Zähne. "Ihr Bastarde! Nehmt eure Finger von ihnen! Rührt sie nicht an!"

Jemand donnert mir seine Faust ins Gesicht. Stöhnend krümme ich mich zusammen, schmecke Blut. Mein Blickfeld verzerrt sich. Alles dreht sich. Tränen rinnen mir aus den Augen, als ich zu Eloise blicke, die leise wimmert und von einem Kerl niedergedrückt wird. Ihre Schwester sitzt gleich neben ihr, ebenso gefesselt. Ihr Zittern gleicht den Todeszuckungen eines Tieres. Ich strecke meine Hand nach Eloise aus, doch das Netz lässt nicht zu, dass sich unsere Fingerspitzen berühren können. Sie ist zu weit weg. "Es wird alles gut. Wir passen aufeinander auf."

"Nicht schon wieder! Nicht schon wieder! Nein!" Ihre Stimme bricht. Ein Schluchzen dringt aus ihrer Kehle.

Aramis knurrt, das Gesicht rot vor Zorn. "Wie habt ihr uns gefunden?"

Ein vergnügtes Glucksen ertönt und ich reiße den Kopf herum. In der Tür steht ein Mann mit einem Dreispitz, an dem eine weiße Feder haftet. Unter dem Hut lugen lange, platinblonde Strähnen hervor. Wie lang sein Haar ist, lässt sich nicht erkennen, da sie unterhalb seines dunkelblauen Mantels verschwinden. So lässig wie er sich gegen den Türrahmen lehnt, statt seinen Komplizen zu helfen, uns unter Kontrolle zu halten, muss er der Anführer sein. "In einer Großstadt wie dieser gibt es viele Augen und Ohren, die uns Straßenkinder melden", schnurrt er. Seine Stimme ist wegen einer Stahlmaske gedämpft. Nicht einmal seine Augen erkenne ich wegen der schwarzgetönten Augengläser. Doch seine Stimme verrät deutlich, dass er jung sein muss.

"Scheiß Wichser!", schreit Rick. "Der Chaosdämon soll euch die Eingeweide rausreißen!"

Ihr Anführer stemmt sich vom Türrahmen ab. Mit einer Handbewegung, so grazil wie die eines Dirigenten, winkt er seine Mithelfer zu sich. "Bringt sie aufs Boot."

***

Gefesselt und mit Fischernetzen umschlungen, liegen wir dicht aneinandergedrängt auf einem Motorboot. Als ich meinen Kopf über die Schulter reibe, verrutscht die Augenbinde um wenige Millimeter. Durch den schmalen Spalt kann ich meine Umgebung erahnen. Jedem von uns wurden die Augen verbunden.

Unsere Entführer sitzen um uns herum, halten Gewehre und geben Acht, dass wir uns nicht rühren oder schreien. Wann immer die Tics mich überkommen und sie mich zucken sehen, richten sie die Waffen auf mich. Verbale Tics schießen aus meinem Mund und ich senke den Kopf, in der Hoffnung, dass ihnen so, der Kluft in der Augenbinde nicht auffällt.

"Was ist mit dem falsch?" Jemand stößt mir den Lauf des Gewehres gegen die Rippen.

"Lasst mich!" Ich krümme mich zusammen, um der Waffe auszuweichen.

Aramis schnaubt. "Er ist krank. Er kann es nicht kontrollieren."

Ich sehe mich um, um einen Ausweg aus dieser Lage zu finden. Trotz der verrutschten Augenbinde erkenne ich nicht viel. Wolken verhängen den Himmel und sperren das Mondlicht aus. Noch immer regnet es. Kalter Wind peitscht über die See. Er macht das Wasser unruhig, auf dem wir treiben. Mehrmals schwappen die Wellen so hoch, sodass die Gischt auf mich klatscht. Ich schmecke das Salzwasser, den Dreck, den die Menschen ins Meer kippen. Schon bald ist meine Kleidung durchtränkt und klebt mir an den Gliedern. Das Zittern wird schlimmer. Die Männer meiden es, das Boot in einen Kanal zu lenken. Statt ins Innere der Stadt vorzudringen, wo sie der Stadtwache mit der Entführung auffallen würden, fahren sie den Hafen von Asvangr entlang. Bordelle und Tavernen offenbaren sich am Ufer. Die Lichter in den Gebäuden brennen noch immer und ab und zu tritt eine Person aus der Tür. Selbst wenn ich einen Hilfeschrei wage, wäre keiner so schnell bei uns auf dem Boot, um uns den Fremden zu entreißen. Man würde mich und die anderen erschießen, noch bevor unser Retter einen Fuß ins Wasser setzt.

Elaine weint. Eloise versucht, sie mit einem verzweifelten Schlaflied zu trösten. Sawyer wurde nach einer weiteren Rebellion bewusstlos geschlagen. Eine Platzwunde ziert ihre Braue. Ihr Auge ist geschwollen und blutüberströmt.

Ich schlucke schwer. Wäre ich nicht gefesselt und mit einem Netz umschlungen, würde ich zu Sawyer rücken, versuchen, sie zu wecken. Doch die kleinste Bewegung hätte zur Folge, dass man mir wieder ein Gewehr entgegenhält.

Wie sollen wir nur entkommen? Denk nach!

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, und obwohl ich es vor den anderen niemals zugeben würde, habe ich eine Scheißangst. Der Stress schnürt mir die Kehle zu und fördert nur meine Tics.

Bilder davon, was uns droht, blitzen durch meinen Kopf.

Meine Mutter hat mir einen Vorgeschmack von der Hölle gegeben. Die Männer, denen sie uns für Geld angeboten hat, waren laut ihr vertrauenswürdig. Sie sagte, sie würden uns nicht ficken, uns nicht wehtun. Stattdessen nur streicheln und küssen und wir sollten sie ebenfalls berühren. Ihre Schwänze in den Mund nehmen.

Doch jetzt ist meine Mutter nicht hier, die irgendwelchen Schweinen verbietet, uns zu vögeln. Was auch immer kommt, sie könnten alles mit uns machen.

Ich schüttele den Kopf, versuche, die Vorstellung zu vertreiben.

All die Jahre habe ich versucht, der Starke von uns zu sein. Ein Beschützer. Und jetzt hocke ich mit ihnen als Gefangener auf einem Boot und hoffe, dass es einen Helden gibt. Irgendwen, der die Kinderfänger stoppt. Jemand, der für Gerechtigkeit sorgt.

Beinahe muss ich lachen. Ich schnaube bitter. Es gibt keinen Helden, der sich um ein paar diebische Straßenkinder schert. Wir sind der Abschaum von Asvangr. Ratten, die Krankheiten verbreiten und Essen stehlen, das nicht für uns bestimmt ist. Kinder von Huren, Gesetzlosen, Mördern, Bettlern.

Unter Tränen bete ich zum Gott der Ordnung. Hilf uns, bitte!

Das Motorboot steuert Richtung Land. Wird langsamer. Mein Herz schlägt jedoch immer schneller. Ein Tic geht durch ein Augenlid. Die Männer regen sich auf ihren Plätzen.

Ihr Anführer, jener mit dem Dreispitz, greift nach einer Petroleumlampe, entzündet sie und sendet Leuchtsignale ans Ufer. Ein Rattern ertönt. Ich schaue auf, entdecke ein Herrenhaus, das am Meer grenzt. Am Tag hätte es mit seinen vielen Balkonen sowie Ziertürmen einen imposanten Eindruck gemacht. Doch in der Dunkelheit wirkt es genauso bedrohlich wie ein zerfallener Friedhof.

Das Rattern wird lauter. Verwandelt sich in ein metallisches Quietschen. Ich entdecke einen Tunnel, der in den Felsen geschlagen ist, auf dem das Anwesen thront. Am Eingang des Tunnels öffnet sich ein Tor. Jemand kurbelt Eisenstäbe nach oben und die Männer steuern unser Boot direkt darauf zu. Drosseln das Tempo und treiben es in den Schlund. Nackte Felswände hüllen uns ein und wir folgen dem unterirdischen Kanal, ehe ich am Ende des Tunnels Licht erkenne.

Die grobgehauenen Steinwände werden durch ebene Wände abgelöst. Die glatte Oberfläche ist bestückt mit Wandhaltern. Darin sind Glühbirnen, keine Gaslampen. Wer auch immer hier wohnt, muss entweder reich oder adlig sein, um sich einen Stromanschluss leisten zu können. All den Ärmeren aus der Unterschicht ist es bislang nicht gelungen, auf Elektrizität aufzurüsten. Stattdessen bedienen sie sich noch immer dem Walöl und den Gaslampen.

Das Boot stoppt in einem Wasserbecken, das in dem Gewölbe eingelassen ist. Säulen stützen die Kellerdecke, die zu Rundbögen geformt ist. In den anliegenden Räumen stapeln sich Fässer und Regale mit Wein. Die Männer stemmen sich von ihren Plätzen hoch, treten auf festen Boden. Durch die Bewegungen schaukelt das Boot und es wirft mich gegen die anderen.

"Ich warte oben." Mit diesen Worten verabschiedet sich ihr Anführer und schlendert um eine Ecke davon, ein Lied pfeifend, das den Chaosdämon in den Schlaf gewiegt hätte.

Die restlichen Kerle zerren die Fischernetze von uns und zwingen uns, an Land zu gehen.

"Lasst mich!" Eloise strampelt, als einer ihrer Entführer sie hochnimmt und fortträgt. "Verschont meine Schwester! Bitte!"

Elaine weint.

"Ich verhandele!", schreit Eloise. "Ich tu alles, was ihr wollt! Alles! Nur bitte, rührt sie nicht an!"

Die Männer lachen. "Was kannst du schon bieten, Bettelkind?"

"Geld! Viel Geld! Ich bin verheiratet. Verwitwet. Ich kann euch die Reichtümer meines Mannes bieten!", japst sie. "Das letzte Mal habt ihr uns beide für zwanzigtausend Jalots verkauft. Das Haus meines Mannes ist deutlich mehr wert. Ihr wollt Geld. Tut nicht so, als wäre es nicht so, sonst würdet ihr keine Sklaven verkaufen!"

Mehr Gelächter. Eloise und Elaine werden nach vorn gestoßen, gezwungen, vorauszugehen.

"Ich kann mehr bieten als Geld!", versucht sie es erneut unter Schluchzen. "Ich bin zu allem bereit! Bitte, gebt mir eine Chance! Lasst mich mit eurem Anführer sprechen! Verkaufen könnt ihr uns allemal!"

"Mmh, mal sehen, wie gut du Schwänze lutschen kannst." Einer der Kerle pfeift und gibt ihr einen Klaps auf den Hintern. Eloise zuckt zusammen.

"Lasst das!", schreie ich, setze mich mit Schlägen und Bissen zur Wehr. Zwecklos. Stattdessen kommen noch mehr Männer zur Verstärkung.

Einer packt Eloise im Nacken, presst ihr die Schusswaffe in den Rücken und zwingt sie zum Gehen. "Vorwärts, na los. Beweis uns, wie gut du über das Leben deiner kleinen Zuckermaus verhandeln kannst." Sie verschwinden um eine Ecke und alles, was von ihnen zu hören ist, ist ihr Flehen.

Aramis und Rick ergeht es ähnlich. Mit groben Griffen packen die Männer sie, ignorieren ihr Fluchen und Betteln. Bringen sie fort. Ihre Hilferufe hallen im Gewölbe wider. Eine Tür knallt und ihre Stimmen verstummen. Als sie zurückkehren, schnappen sie Sawyer und mich.

"Lass mich los!"

Keine Reaktion. Sie zerren uns in den rechten Gang.

"Hey!", ruft ein Mann dem anderen zu und deutet auf mich. "Bist du blind? Das ist ein Junge. Jungen kommen in den linken Gang."

Der, der mich festhält, blickt an mir herab. "Das ist ein Mädchen."

"Ich bin kein Mädchen!"

Er schnalzt mit der Zunge. "Kurze Haare und Jungskleider machen dich noch lange nicht zu einem Jungen."

Der andere Mann runzelt die Stirn. "Sicher, dass es ein Mädchen ist?"

"Soll ich nachsehen?"

"Pfoten weg!" Ich winde mich in ihrem Griff, schlage um mich. "Fasst mich nicht an!"

Einer der Männer schreit auf, als ich ihn mit meinen Fingernägeln erwische, woraufhin er mir seine Faust ins Gesicht donnert. Ich werde nach hinten geschleudert, stolpere. Die Augenbinde rutscht nun ganz über meine Nase und gibt mir freies Sichtfeld. Schmerzhaft sacke ich zu Boden. Das Gestein staucht meine Knochen und ich beiße mir auf die Zunge, schmecke Blut. Stöhnend rolle ich mich auf die Seite, versuche, aufzustehen. Ein weiteres Mal jagt er mir seine Faust gegen das Kinn und lässt mich erneut zusammensacken.

"Gott der Ordnung, bitte..." Schniefend japse ich mein Gebet, wische mir das Blut von der Nase. Bitte, tu etwas!

Ein dritter Schlag. Ein vierter. Ein Tritt den Magen. Sie ziehen mir die Hose herunter. Ich wimmere. Ihr Lachen und ihre Worte sind wie Säure, die sich durch mein Hirn fressen. "Ein Mädchen. Wusste ich's doch."

"Ich bin kein Mädchen."

Beim nächsten Hieb, der in meinem Gesicht landet, schlägt mein Kopf gegen den Grund. Keuchen. Ich schmecke immer mehr Blut. Alles dreht sich. Schwärze. Da ist nur Schwärze. Ich blinzle, versuche etwas anderes als diese Dunkelheit zu erkennen.

Die Decke über mir.

Sawyer. Sie liegt wie tot an meiner Seite.

Licht.

Gott der Ordnung, bitte! Hilf uns! Das Letzte, was ich sehe, ist eine Faust, die auf mich zufliegt. Ich wehre mich nicht gegen die Finsternis. 2. Kapitel


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